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Boulevard Zeitungen

Presse in der BRD

J.P/ Payne, Presse in der Bundesrepublik Deutschland, Lancaster University Press, 1997/2001

7i. Analyse

Artikel in Boulevardzeitungen* lassen sich nicht so analysieren wie Artikel in anderen Zeitungen. In der Boulevardpresse ist der Informationsgehalt an sich oft sekundär. Die Trennungslinie zwischen Bericht* und Kommentar* ist deutlich erkennbar. Was zählt, ist das Interesse der Leser, ihre innere Teilnahme am Dargestellten. Das muß nicht heißen, daß Boulevardjournalisten nicht gute Arbeit leisten, man muß aber Maßstäbe anwenden, die sich für ihre besondere Art von Arbeit eignen.

Stellen Sie sich vor, Sie müßten für die Leser von Boulevardzeitungen eine kurz gefaßte spannende Einführung in den folgenden Vorfall schreiben: Schüler hassen einen bestimmten Lehrer; sie wollen sich an ihm rächen. Sie entscheiden sich in einer Zeitung die Nachricht seines Todes zu verbreiten , in Form einer Todesanzeige. Als Berichterstatter, bzw. Berichterstatterin sollten Sie dabei nicht vergessen, daß hier eine Mischung aus Mitleid und Schadenfreude erforderlich ist!

Der Berichterstatter der Hamburger Morgenpost vom 12. September 1979 hat daraus folgendes gemacht: 'Hannover - Oberstudienrat K.K. saß am Frühstückstisch. Bei heißem Kaffee und frischen Brötchen schlug er die Zeitung auf ...'

Wir werden hier ökonomisch in eine private Szene eingeführt - der Bericht identifiziert den Lehrer und läßt uns schon die wohlgeordnete Atmosphäre dieses Studienratslebens einatmen. Wir essen gleichsam dieses gute deutsche Frühstück mit, wir erleben die heile Welt eines mit sich und der Welt zufriedenen Pädagogen - dann schlägt der Blitz ein: 'Sein Gesicht wurde aschfahl : Er sah seine eigene Todesanzeige !' (Wie zu erwarten, ist hier auch die Todesanzeige selbst abgebildet!) Wir sollten nicht vergessen, daß der Journalist natürlich nicht bei diesem Frühstück anwesend war. Keine seriöse Zeitung würde eine solche erdichtete Passage bringen. Der Journalist, dieser 'Geheimagent', der durch reine Einbildungskraft in diese häusliche Szene eingedrungen ist, erzählt weiter:

'Sein Gesicht wurde aschfahl: Er sah seine eigene Todesanzeige! Kaum hatte sich der Vater von zwei Kindern vom ersten Schock erholt, da klingelte auch schon das Telefon: Freunde, Kollegen, Nachbarn wollten wissen, wann und wie "es" geschah. [...]'

Dieser Journalist geht mit der Wahrheit etwas leger um. Er ist aber bestimmt ein ganz geschickter Erzähler. Aber warum habe ich diesen Artikel überhaupt gelesen? Die Schlagzeile 'Lehrer las beim Frühstück die eigene Todesanzeige' hat mich angezogen.

7ii. Die Schlagzeile

Damit kommen wir zu einem wichtigen Prinzip der Berichterstattung im allgemeinen und der Boulevardpresse im besonderen: die Überschrift, die Schlagzeile, funktioniert als Fangschnur . Wenn die Leser die Überschrift lesen: 'Millionär von seine Pferd erschlagen' (express, 7. Juni 1987) reagieren sie mit Erstaunen und Verwirrung . Wie hat ein Pferd es fertiggebracht, einen Mann zu töten? So etwas Unerhörtes! Es heißt in einer anderen Schlagzeile: 'Der Papst: "Gott liebt auch die Aids-Kranken!"' (Abendpost-N., 19. September 1987) und schon sind die Leser vom Bericht gefangengenommen, weil der Vertreter Christi in demselben Atemzug genannt wird wie eine Seuche , die den Glauben an einen seine Schöpfung liebenden Gott schwerer macht. Auch der Titel von diesem Teil meines Buches, 'Rezepte aus der Hexenküche', soll als Fangschnur wirken, die die Aufmerksamkeit von vielleicht schon müde gewordenen Lesern noch für einige weitere Seiten auf sich zieht! (Unten kommen wir auf Schlagzeilen in Boulevardzeitungen* zurück.)

7iii. Fasse dich kurz!

In einem Boulevardzeitungsbericht muß der Journalist/die Journalistin sich kurz fassen. Typische Leser haben eine kurze Konzentrationsspanne. In folgendem Bericht ist die Verdichtung beachtenswert . Besonders am Ende wird er förmlich zu einem an den Leser gerichteten Telegramm:

(Abendpost-Nachtausgabe, 11. Juni 1987, Überschrift: 'Penner angezündet')
'Ein 24jähriger und ein 18jähriger sahen in London einen Stadtstreicher in einem Pappkarton an der Straße schlafen. Sie übergossen ihn mit Benzin und steckten ihn an: Der Mann verbrannte. Mordanklage. Ihr Motiv: Nur so zum Spaß!'

Man könnte mehr schreiben, aber was kann man mehr sagen?

7iv. Ist eine Boulevardzeitung* wirklich eine Zeitung?

Eine Boulevardzeitung* orientiert sich nicht an der menschlichen Vernunft, sondern an menschlichen Gefühlen, und zwar in erster Linie an Sex, Geldgier, Neid, Eifersucht und Schadenfreude. Wenn die Bildzeitung eine Zeitung ist, dann ist die FAZ keine - oder auch umgekehrt. Machen wir einen sehr kurzen Vergleich von der FAZ und der Bildzeitung:

- Bei der FAZ wird Weltgeschehen für intelligente, gebildete Leser durch die Arbeit der verschiedenen Ressorts täglich sinnvoll geordnet. Bei der Bildzeitung werden die Leser von gewissen, oft nebensächlichen Ereignissen regelrecht überfallen, aber das Weltgeschehen im Großen und Ganzen wird nur angedeutet, als eine Art undurchsichtiger Verwirrung irgendwo im Hintergrund, um die sich andere kümmern sollen.
- Bei der FAZ findet man Rationalität bis zum Wahnsinnigwerden. Die Bildzeitung ist eine zutiefst irrationale Veröffentlichung, bei der die niedrigen Gefühle Vorrang haben.
- Bei der FAZ müssen Leser ganze Informationsberge besteigen (täglich vielleicht 100 000, wöchentlich 500 000, jährlich 25 Millionen Wörter insgesamt!) - eine Nachrichtenlandschaft, wo jeden Tag ein neuer Gipfel aus dem Nebel der Zukunft auftaucht. Die Bildzeitung dagegen, ist weniger Informationsquelle als Genußmittel , welches gekostet, genossen und sofort vergessen wird. Im Gehirn bleibt nichts haften als eine leichte halb-süße, halb-bittere Erschütterung.

Redakteure* von Boulevardzeitungen würden vielleicht ein-wenden , daß obige Bemerkungen einfach die Kritik eines Literaturwissenschaftlers sind. Was würden sie wohl selber über ihre Arbeit sagen?

7v. Ein (fiktiver!) Redakteur über die Arbeit in einer Boulevardzeitungs-Redaktion.

'Liebe Leser, ich brauche eure Mitarbeit, eure Einbildungskraft. Stellt euch vor, ihr seid neu bei uns angestellte Reporter. Das Leben ist lang, unsere Zeit dagegen kurz. Wie sollt ihr eure Stories schreiben? Ich hebe hier das Wort 'Story' hervor. Es macht nichts aus, wenn ihr ein wenig Phantasie gebraucht. Warum hießen unsere Berichte sonst 'Stories'?! Die FAZ braucht Hintergrund, Sachzusammenhänge , den geschichtlichen Kontext. Schon der Gedanke an solche Dinge macht unseren Lesern Kopfschmerzen! Sie wollen im Prinzip nichts wissen. Sie wollen in eine Welt hineinversetzt werden, in der die Ereignisse ins Übermenschlich-Märchenhafte gesteigert werden:

(Schlagzeile: 'Sir Neil - 6mal Sex, seine Frau hat's satt')
'Top-Modell Marilyn Grable (18, Foto) hat für einen Gesellschaftskandal gesorgt: Sie plauderte aus, daß Englands bestverdienender Manager Sir Neil Salter (48) ihr ein Liebesnest eingerichtet hat: "Er wollte täglich fünfmal Sex!" Kurz darauf meldete sich das Fotomodell Betty Munroe "Ich wurde schon mit 17 Sir Neils Geliebte. Bei mir schaffte er es sechsmal pro Nacht." Jetzt hat die Frau Sir Neils die Nase voll - Scheidung eingereicht . Die Abfindung wird gewaltig : Sir Neil verdient als Boss einer Supermarkt-Kette drei Millionen Mark pro Jahr.' (Bildzeitung, 22. September 1987 - nur die Namen in der Geschichte habe ich verändert - PP.)

Alles muß Energie und 'Drive' haben; ob etwas wahr ist oder nicht, spielt hier kaum eine Rolle. FAZ-Journalisten sind Sklaven der Wahrheit. Sie schleppen den Willen zur Objektivität wie eine Kette mit sich herum. Ihr seid als freischaffende , schöpferische Boulevard-Reporter an keine Wahrheit gefesselt! Macht Gebrauch von eurer Freiheit! Wenn ihr keine Zeit habt, die Betroffenen zu interviewen, stellt euch einfach vor, ihr hättet sie doch gesprochen! Und weil der Konjunktiv so altmodisch ist, schreibt ihr im Indikativ, dann hat das Interview doch stattgefunden! ...'

Unterbrechen wir endlich unseren Reporter. Wir wollen schließlich Berichte in Boulevardzeitungen von einem unvoreingenommenen Standpunkt aus untersuchen. Dabei komme ich auf meine 'Schlagzeile' 'Rezepte aus der Hexenküche' zurück.

7vi. Boulevardjournalisten und Hexerei

In früheren Zeiten spielte die Hexe die Rolle einer Psychiaterin. Sie half den Leuten dabei, mit Gefühlen zurechtzukommen, die sie quälten . Eifersucht? Sie bot feines Gift für den Rivalen, für die Rivalin, an. Liebeskummer? Sie bereitete ein Zaubergetränk, das bei der geliebten Person unfehlbar wirkte. Diese Zauberkünste, in allerdings sehr verdünnter Form, werden heutzutage von Boulevardzeitungen angeboten. Nicht nur die menschlichen Probleme sind im Laufe der Jahrhunderte grundsätzlich dieselben geblieben; auch die Rezepte im Hexenbuch der Boulevardzeitung sind innerlich unverändert. Man 'kocht' hier mit Blut und Menschenfleisch und würzt die Suppe mit Zutaten wie Sex, Haß, Neid auf Reiche und Prominente, mit Geldgier und Familienkrach, mit Inzucht und Tratsch über Respektspersonen, die unseren Respekt nicht verdienen. (In diesem Zusammenhang sind Lehrer besonders anfällig !).

An dieser Stelle möchte ich Günter Wallraffs* - Kleines BILDerbuch zitieren. Er hat hier Schlagzeilen nach Kategorien geordnet:

DAS BILD DER FRAU:
- '(Eros-Mädchen) 1 Million im Bett verdient' (25.5.76)
- 'Wilde deutsche Frauen fangen Männer' (2.2.84)
- 'Frau nach Anti-Baby-Pille völlig behaart' (24.4.74)

VERGEWALTIGUNG

- 'Darf ein Mann seine eigene Frau vergewaltigen?' (6.12.78)
- 'Vergewaltigung Mallorca: Blonde deutsche Mädchen in Gefahr' (8.4.81)

MORDE
- 'Lehrer aß Schüler' (5.11.80)
- 'Frauenherz in Tiefkühltruhe - ihr Kopf unterm Rosenbeet' (22.9.80)

In diesen Beispielen ist ein von Wallraff identifiziertes 'Rezept'-Prinzip erkennbar. Das 'Gericht' schmeckt am besten, wenn dem hungrigen Leser gleichzeitig zwei oder mehr Zutaten serviert werden, wie etwa 'Sex' und 'Geld', oder 'Frau' und 'Mord', oder 'Mord' und 'Respektsperson'.

Kasten 39

Boulevardzeitungsschlagzeilen mit Angaben der besonderen 'Zutaten':

'Karin Hübner totkrank' (Hamburger Morgenpost, 11.6.1987 - bekannte Sängerin und schwere Krankheit)

'Deutsche Frauen mögen's romantisch' (Abendpost-Nachtausgabe, 18.9.1987 - Nationalgefühle, Frau, Liebe)

'Die Reichsten der Welt! - Thurn und Taxis und Flick dabei' (TZ, 21.9.87 - Reichtum, Deutschland)

'Sirikit & Bhumibol - Warum liegen so viele Tote am Königspalast?' (Bildzeitung, 20.5.1992 - Adel und Gewalttätigkeiten)

'Unsere Weltmeister von Brasilianern verhöhnt' (Bildzeitung, 16.12.1992 - Sport, Nationalgefühl)

'21 Frauen in Säure aufgelöst?' (Bildzeitung, 16.12.1992 - Gewaltätigkeiten, das Groteske, siehe Anhang 10)

'Schnee tötete 26 Kühe' (Bildzeitung, 22.2.1993 - Wetter, ich verstehe die Welt nicht mehr)

'Ehekrach bei Clintons - Wer warf die Lampe?' (Bildzeitung, 22.2.1993 - Eheleben, Prominenz)

'Sauereien im Unterricht - Lehrer diktierte seinen Schülern einen Porno' ( TZ, 22.2.1993 - Beamtentum, Skandal)

'Hunde zu Pelzen verarbeitet' (Bildzeitung, 21.2.96 - Tier-Skandal)

'Außerirdische bedrohen uns Menschen' (Bildzeitung, 4.5.97 - Furcht und Angst vor etwas Unbekanntem)

'Die einsame Prinzessin von Hannover - und ihr Mann küßt Caroline' (Bildzeitung, 5.4.97 - Prominenten-Skandal)

7vii. Abschließenden Bemerkungen zur Berichterstattung in Boulevardzeitungen

In Boulevardzeitungen* erkennt man noch andere psychologische 'Tricks' der Journalisten. Es sind:

- Humor, wobei die natürliche Verbindung von Menschen zu Menschen durch eine Distanzierungs- oder Verfremdungstechnik im Bericht abgebrochen wird. Die Betroffenen werden nicht als Menschen dargestellt, sondern als Entartete , als Scheusale oder als Sonderlinge . Deshalb fühlen sich die Leser dazu berechtigt, sich über deren Unglück zu amüsieren.
- Wie bei der Tragödie nach der Auffassung von Aristoteles, helfen Berichte den Lesern, sich Emotionen zu entledigen . Der Bericht dient als Abfluß eines starken Gefühls, wie etwa Begierde oder Angst. (Siehe Kasten 40)
- Der Bericht kann als Warnung an die Leser funktionieren, den engen Weg der bürgerlichen Moral nicht zu verlassen, sonst wird es ihnen ähnlich ergehen, wie den geschilderten Personen.

Kasten 40

In seinem Buch Schlagzeile schreibt Hans Schulte-Willekes folgendes über Horror in der Bildzeitung:
'Horrorgeschichten sind ein Geschäft mit der Angst. Viele Leute leben in ständiger Erwartung irgendeines Unglücks. Deswegen ergeben Meldungen - wie (etwa die von einem) in der Kühltruhe erfrorenen Kind - für eine Massenzeitung meistens eine Schlagzeile. Gerade sehr vorsichtige Eltern leben oft in der Sorge, daß ihren Kindern etwas Unerwartetes passiert. Die tiefsitzende Angst von Millionen wird bei dieser Horrorgeschichte auf ein sichtbares Opfer hingelenkt und damit scheinbar geringer, sie wird faßbar gemacht. Deswegen verkaufen sich solche Schlagzeilen besonders gut.'

Wir dürfen nicht vergessen, daß kritische Zeitungsleser einen gewissen Abstand zur Berichterstattung in solchen Zeitungen bewahren müssen. Obwohl sie auch das erfahren, was andere Leser verspüren - das Klammheimlich -Faszinierende der Stories - ist das für sie nur sekundär. Das Wichtigste ist das Verständnis dessen, was wir und andere dabei erleben. Boulevardzeitungen sind ein Tummelplatz von unbeherrschten Leidenschaften . Ihre Redakteure richten sie so ein, daß die Leser träumen können. Aber die Fälle, die den Berichten zugrunde liegen, sind keine Träume. Sie treffen Menschen wie dich und mich, und diese leiden noch zusätzlich dadurch, daß ihr privates Leid in der Öffentlichkeit bloßgelegt wird. Wenn wir das vergessen, ist es ein Zeichen dafür, daß wir selber von dem Unmenschlichen an solchen Berichten angesteckt sind.

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