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Home > 207 Die Presse in Deutschland |
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Geschichte der Presse1. Die Presse unter den NazisJ.P/ Payne, Presse in der Bundesrepublik Deutschland, Lancaster University Press, 1997/2001 Hitler umriß in seinem 1925 veröffentlichten Werk Mein Kampf vier Thesen für Propagandisten; dort stellt er sie undurchsichtig und kompliziert dar. (Sie finden Hitlers Orginalfassung im Kasten 6.) Ein moderner Werbefachmann hätte Hitlers Thesen etwa auf folgende Weise verkürzt und vereinfacht: - Die Massen sind dumm, also muß die Propaganda* einfach sein! - Seid brutal! - Keine Argumente, nur aus voller Kehle schreien! - Nicht viel sagen, nur immer wieder dasselbe! Kasten 6 Übung a) 'Die Aufnahmefähigkeit der großen Masse ist nur sehr beschränkt,
das Verständnis klein, dafür jedoch die Vergeßlichkeit
groß. Es war Hitlers Absicht, die deutschen Medien - vor allem Film, Rundfunk und Presse - so umzubauen, daß sie ein Vehikel für seine Ideen, Pläne und Befehle werden würden. Mit verblüffender Offenheit benannte man die dafür zuständige Behörde das 'Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda'. Unter 'Volksaufklärung' verstand Hitler einfach die Unterrichtung der Bürger des Reichs in seine Interpretationen des Weltgeschehens und in seine Pläne - das Wort bezog sich nicht auf die Vermittlung von objektiven Informationen. (Man hätte die Behörde ebensogut das 'Ministerium für Propaganda und Propaganda' bezeichnen können!) In einer Rede vor Journalisten in den ersten Monaten des Dritten Reichs unterstrich der Minister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, die zentrale Funktion der Presse, wie Hitler und er sie verstand: '[...] die Presse soll nicht nur informieren, sondern muß auch instruieren. Ich wende mich dabei vor allem an die ausgesprochen nationale Presse. Meine Herren! Sie werden auch einen Idealzustand darin sehen, daß die Presse so fein organisiert ist, daß sie in der Hand der Regierung sozusagen ein Klavier ist, auf dem die Regierung spielen kann, daß sie ein ungeheuer wichtiges und bedeutsames Massenbeeinflussungsinstrument ist, dessen sich die Regierung in ihrer verantwortlichen Arbeit bedienen kann. Das zu erreichen betrachte ich als eine meiner Hauptaufgaben.' Kasten 7 Übung Wenn Sie die Gelegenheit gehabt hätten, Goebbels in Bezug auf die in meinem Text zitierten Worte über die Funktion der Presse zur Rede zu stellen, was hätten Sie zu ihm gesagt? Die Nazis handelten mit der Eile von Männern, die die Demokratie verachteten und die alten demokratischen Schranken einfach demolieren wollten. (Siehe den hoffnungslosen Versuch eines Redakteurs* der liberalen Vossischen Zeitung, gegen die Politik der Nazis zu protestieren - [Anhang 2]. Siehe auch die Darstellung der neuen Prozedur im Reichstag von einem Anhänger des neuen nazistischen Regimes - Anhang 3) Die Zahl der Zeitungen, die unmittelbar in den Händen der Nazis waren, blieb bis Anfang des zweiten Weltkriegs relativ klein.
Jedoch verstanden die Nazis, gleich von den ersten Tagen der Machtergreifung an, Journalisten unter großen Druck zu setzen. Jeden Tag mußten Vertreter der Presse die Pressekonferenzen des Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda besuchen. Es war für Zeitungen existenzgefährdend, für Journalisten lebensgefährlich, die dort erlassenen Anweisungen nicht zu befolgen. (Siehe Kasten 9) Diese hießen 'Sprachregelungen' . Siehe Beispiele davon in Kasten 10 und auch in Anhang 4a und 4b. Die Sprachregelungen befaßten sich mit Inhalt und Präsentation der Nachrichten. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, einen Blick auf das Wesen der Propaganda* zu werfen. Kasten 8 Hermann Meyn beschreibt folgenden Fall in Massenmedien in der BRD, S.18): Goebbels hatte die Eintönigkeit der Presse unter den Nazis kritisiert. Darauf richtete ein Chefredakteur diese Worte an ihn: 'Sie sind, Herr Reichsminister, ein Freund des Witzes und der Ironie. (...) Früher da konnten wir (...) diese geistige Übung gelegentlich auch an behördlichen Maßnahmen und behördlichen Personen erproben - Herr Reichsminister, bei aller Aufforderung von Ihnen: ich weiß nicht recht (...).' Die Bedenken des Chefredakteurs waren völlig berechtigt: Auf Grund dieser Worte wurde seine Zeitung für drei Monate verboten, er wurde entlassen und in ein Konzentrationslager gebracht. Kasten 9 Sprachregelungen - Zwei Beispiele Anweisung Nr.1245 (19.11.1936) Anweisung Nr.135 (26.1.1937) (zitiert in Wulf, J. Presse und Funk im Dritten Reich, Frankfurt\M., Berlin, London, 1966) Linguisten behaupten, daß Propagandisten in ihren Schriften oder Reden ganz einfache Ziele verfolgen. Sie wollen so oft wie möglich den eigenen Standpunkt loben und den Standpunkt der Gegner angreifen. In ihren Schriften und Reden sind dementsprechend zwei Arten von propagandistischen Wörtern zu erkennen, nämlich 'purr-words' und 'snarl-words', wie S.I.Hagakawa in seinem Buch Language and Thought in Action (vierte Auflage, New York, 1978) sie bezeichnet. 'Purr-words' sind Wörter des Lobes , 'snarl-words' Wörter des Tadels . In folgendem Auszug aus einem Artikel von einem führenden Nazi-Journalisten über die Presse in Wien nach dem 'Anschluß' (die Einverleibung Österreichs in Hitler-Deutschland im Jahre 1938) habe ich 'purr-words' mit einem nachstehenden Pluszeichen in Klammern, 'snarl-words' mit einem Minuszeichen identifiziert: 'Der Begriff "Wiener Presse" hat seit vielen Jahren einen schlechten
Klang gehabt. Sie war nicht nur die Stütze des volksfremden(-) Systems(-),
sondern auch eine Zentrale antideutschen(-) Geistes. Ihre "österreichische
Mission" hat sie fast ausnahmslos als Freibrief für eine gemeine(-)
und schmutzige(-) Hetze(-) gegen das nationalsozialistische(+) Reich(+)
aufgefaßt. In geradezu scham-loser(-) Weise haben sich (...) die
Juden(-) (...) die gesamte Wiener Presse in ihre Hände gespielt.
Die "österreichischen" Töne, die wir aus Wien vernahmen,
stammten in Wirklichkeit von den Herren Löwenstein(-), Feigenbaum(-),
Marcus(-) und anderen Hebräern(-). Wenn man die Schriften und Reden nazistischer Journalisten untersucht, kann man leicht Listen von häufig verwendeten 'purr-words' und 'snarl-words' aufstellen: - Nazistische 'purr-words': 'Wille', 'wir', 'nationalsozialistisch', 'Volk', 'Gleichschaltung' , 'Führer', 'Deutsch', 'Zucht' , 'Sachlichkeit' , 'Neuordnung', 'Geist von Potsdam', 'arische Abstammung' , usw. - Nazistische 'snarl-words': 'Demokratie', 'ich', 'Liberalismus', 'Geldinteressen', 'Jude', 'Verjudung', 'Bolschewist', 'Sonderinteressen', 'volksfremd', 'antideutsch', 'Hebräer', usw. Kasten 10 Übungen: 1. Identifizieren Sie die 'purr-words' und 'snarl-words' in dem in Anhang
3 abgedruckten Leitartikel von Friedrich Hussong. Die Absicht der Nationalsozialisten war gerade das Gegenteil davon, die Deutschen zu kritischen Zeitungslesern zu erziehen! Sie wollten Deutsche zu unkritischen, unwissenden Werkzeugen der Hitlerschen Politik machen. Zusammenfassend kann man folgende Eigenschaften ihres Pressesystems erkennen: - Zeitungen sollten nicht Kritiker des Führers sein, sondern Instrumente
seines Willens Das Ergebnis des Propagandaangriffs der Nationalsozialisten auf die Bevölkerung Deutschlands war Desorientierung und Verwirrung . Durchschnittsdeutsche hatten keinen Zugang zu fairer Berichterstattung und viele glaubten die Lügen des Propaganda*-Ministeriums. (Erst in den letzten Kriegsjahren wurde man skeptischer.) Ein amerikanischer Journalist, William Shirer, der vor dem Zweiten Weltkrieg in Berlin arbeitete, schildert diese Verwirrung in seinem Buch, Berlin Diary: 'Berlin, 7 September 1940 (Today's) statement of the (German) High Command, obviously forced upon it by Hitler himself - he often takes a hand in writing the official army communiques - deliberately perpetrates the lie that Germany has only decided to bomb London as a result of the British first bombing Berlin. And the German people will fall for this, as they fall for almost everything they're told nowadays. Certainly never before in modern times - since the press, and later the radio, made it theoretically possible for the mass of mankind to learn what was going on in the world - have a great people been so misled, so unscrupulously lied to, as the Germans under this regime.' (Siehe Kasten 11 und auch Anhang 5) Im Jahre 1945, nach zwölf Jahren Nazi-Diktatur, war es kaum überraschend, daß Deutsche wenig oder kein Vertrauen zu Zeitungen hatten. Kasten 11 Übung: Übersetzen Sie Shirers Text ins Deutsche!
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