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Home > 207 Die Presse in Deutschland

Boulevard Zeitungen

Lectures

I. Was ist eine Boulevardzeitung?

1. sensationell aufgemachte, in großen Collagen erscheinende, überwiegend im Straßenverkauf angebotene Zeitungen, [...] die besonders mit Skandalgeschichten und Gesellschaftsklatsch ... ihre Leser unterhalten (Duden)

 

2. Britische Boulevardzeitungen:

Daily papers:

Sun (3.537.760), Daily Mail (2.318.287), The Mirror (2.214.981),

The Express (1.068.844), Daily Star (618.534)

Sunday papers:

News of the World (4.062.561),

Sunday Mirror (1.870.043), People (1.670.347),

Mail on Sunday (2.281.506), Express on Sunday (973.846)

[Auflagen Dezember 1998, The Guardian, Media, 18.1.99)

 

3. Deutsche Boulevardzeitungen:

Bild-Zeitung (4 606,000) Bild am Sonntag (2 584,6)

BZ, Berlin (313,400)

Express, Köln (272,2)

Abendzeitung, München (173,8),

Hamburger Morgenpost (154,7),

TZ München (145,3)

(Auflagen 1996, nach Daten der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V./IVW, Bonn)

 

II. Die Anfänge der Bild-Zeitung

4. 'Eine Zeitung soll viel Bildwerk enthalten, so gesetzt sein, daß sie leicht zu lesen ist, und auch einen Roman bringen, damit die Dirndl auch etwas davon haben.'

(Adolf Hitler)

5. 'Ich war mir seit Kriegsende darüber klar, daß der deutsche Leser eines auf keinen Fall wollte, nämlich nachdenken. Und darauf habe ich meine Zeitungen eingerichtet.'

(Axel Springer, 1959)

6. 'für Leute, die nicht denken wollen' (Axel Springer, 1952)

7. Bild-Auflagensteigerung innerhalb von 10 Jahren. Ersterscheinung: 24.6.52

März 1953 300,000 Exemplare

Mai 600,000

Juni 700,000

Dez. 1953 1,2 Millionen

1955 2 Millionen

1956 3 Millionen

1962 4 Millionen

1966 5 Millionen (aus Der Springer Konzern, Müller)

 

III. Das Bild-Rezept

Bilder und Schlagzeilen:

8.'Millionär von seinem Pferd erschlagen'

'Der Papst: Gott liebt auch die Aids-Kranken'

'Streit um Di's Erbe' usw. usw. usw.

 

9. 'Das Bilderblatt ist so attraktiv, daß 23 % seiner Leser immer, wenn sie Bild sehen, "verrückt danach" sind, das "Essen stehen lassen" und die Zeitung "sofort kaufen".

(Meyn, S. 48)

 

Berichterstattung:

10. 'Bild berichtet kurz und bündig, optimistisch, freiheitlich, fortschrittsgläubig, marktwirtschaftlich-konsumorientiert, dazu spannend, leicht verdaulich und im anti-kommunistischen Grobstrickmuster.' (Frei, S. 296)

 

11. 'München: In Füssen wird eine tollwütige Fliege gesucht! Zwei Bauarbeiter sahen einen toten Fuchs, auf dem die Fliege saß. Als sie näherkamen, flog die Fliege einen von ihnen ins Auge. Der bekam fürchterliche Angst, ließ sich sofort in eine Klinik fahren und wurde dort auch mit Spritzen gegen Tollwut behandelt. Die Fliege schwirrt weiterhin durch den blauen Äther des Allgäus.'

 

Themen und gesellschaftliche Relevanz

12. Prominente: Prominenten-Klatsch - berühmte Personen

Geld und Reichtum: um das Lotto, um Lottogewinne

Gewalttätigkeit und Verbrechen

Tod und Mord sind auch Hauptthema

Sex und Liebe

Unfälle und Horror

Familienleben: Familienkrach, Katastrophen

Sport - sehr groß, mit vielen Bildern

Wetterkatastrophen

Exzentrisches und Eigenartiges

 

13. 'gedruckt wird, was die Auflage steigert.' (Wallraff, Der Aufmacher)

 

‘Humor’ in Bild:

14.'Schönheitschirug irrte - Brustwarze auf der Schulter' (S. 54)

'Anwältin sägt Geliebtem Arm ab .. weil er damit die andere umarmt hatte' (S.52)

'Oma 4 Tage ins Klappbett geklemmt' (S.53)

'Bigamist fuhr gegen Baum - zwei Witwen streiten um die Leiche' (S.54)

(aus Wallraff, Kleines BILDerbuch, 'Menschen wie du und ich')

 

IV. Bild und die Politik

Vier offizielle Grundsätze der Bild-Berichterstattung:

1. Das unbegrenzte Eintreten für die friedliche Wiederherstellung der deutschen Einheit in Freiheit

2. Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen

3. Die Ablehnung jeglicher Art von politischen Totalitarismus.

'Als ich Springer [..] einmal vorhielt, die Berichterstattung in seiner Zeitung über die DDR sei erschreckend einseitig und vermittle überhaupt keien Vorstellungen von den wirklichen Leistungen des Ulbricht-Regimes, schaute er mich treuherzig an und meinte lächelnd, er wisse das genauso gut wie ich - aber schließlich mache er ja Politik und es komme eben auf den Effekt an, den Nachrichten bei der breiten Lesermasse erzielten' (Allemann, in Brumm, Sprachrohr der Volksseele)

 

4. Die Verteidigung der sozialen Marktwirtschaft.

'Der Streik ist wie eine Atombombe'; 'Verfluchter Streik. Wir wollten ihn nicht'

'In einer Woche gibt es keine Autos mehr.' 'Euro da! Vieles wird billiger'

 

Zwei inoffizielle Grundsätze:

1. die Unterstützung der bürgerlichen Moral

2. die Unterstützung der bestehenden Ordnung.

 

15. Die Bild-Zeitung paßt sich der Sprache der Sprachlosen an, ohne deshalb zu ihrem Sprachrohr zu werden - verkündet nicht einfach die Meinung ihrer Leser. Aber sie legt ihnen gewissermaßen unermüdlich Meinungen in den Mund, mit denen sie sich identifizieren sollen: angeblich in ihrem eigenen Interesse.

(Brumm, Sprachrohr der Volksseele, S. 130)

 

16. Bild hat eine ordnende und richtende Instanz. 'Dank ihrer Autorität nimmt die Zeitung dem Leser das Ordnen, Sichten und Bewerten der Ereignisse, welche die gegenwärtige Welt repräsentieren, ab.' (Müller, Der Springer Konzern)

 

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